Kalenderblatt Januar des Mutterkalenders 1935

Die NS-Zeit war für die meisten Künstler und Künstlerinnen eine schwierige Zeit. Wenn sie nicht emigrierten oder sich in die innere Emigration zurückzogen, war es für sie sehr schwierig, sich frei in ihrer Kunst auszudrücken. Fritz Griebel beklagte sich 1943 in einem Brief an seinem Freund und Künstlerkollegen Gustav Seitz (1906–1969), dass er derzeit, um das Überleben seiner Familie zu sichern, keine wichtigen Kunstwerke schaffe. Erschwerend kam der fünfjährige Kriegsdienst ab 1940 hinzu.

Seine in dieser Zeit entstandenen Arbeiten zeigen keine nationalsozialistischen Heroisierungen – im Gegenteil. In einem Entwurf für ein Wandgemälde eines Wachlokals in der Kaserne in Schweinfurt verglich er unterschwellig das Soldatentum mit schlafenden Hühnern auf der Stange. Sein Entwurf wurde natürlich abgelehnt und blieb für Griebel glücklicherweise auch ohne Konsequenzen.

Auch seinen christlichen Glauben verleugnete Griebel nicht. Früh stand er in Kontakt mit Antonie Nopitsch (1901–1975), einer promovierten Nationalökonomin und diakonischen Pionieren des 20. Jahrhunderts. Nopitsch gründete 1933 den Bayerischen Mütterdienst, der sich an erschöpfte Mütter richtete, die in evangelischen Erholungsheimen neue Kraft schöpfen sollten. Außerdem wurden sie bei Gemeindeabenden in Hauswirtschaft und Erziehung unterrichtet.

Der NS-Staat versuchte bald, die kirchliche Mütterschulung für seine Zwecke zu okkupieren und bisher unpolitische Frauen zu indoktrinieren. Doch währte die ,Zusammenarbeit‘ des bayerischen Mütterdienstes mit der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF) nicht lange. Denn anstelle der Mütterschulung wurden nun Frauenbibelkreise angeboten, das bedeutet, es wurden christliche Fragestellungen in den Fokus gerückt zur Stärkung der eigenen Urteilskraft und als spirituelle Begleitung in Zeiten von Krieg und Kirchenkampf.

Zur Finanzierung des Mütterdienstes entwickelte Nopitsch eigene Publikationen wie eine Frauenzeitschrift und ab 1935 den Mutterkalender. Fritz Griebel war von Anfang als Grafiker bzw. Illustrator für den Mutterkalender – heute bekannt als Frauenkalender des FrauenWerk Stein in der Evang.-Luth. Kirche Bayerns – tätig und holte 1936 noch Josua Leander Gampp (1889–1969) sowie Willi Herwarth hinzu. Eindringlich schildert Antoni Nopitsch in ihren „Erinnerungen“ wie sie versuchte, noch im Dezember 1934 mit einer Auflage von 25.000 Stück den neuen Mutterkalender an die Frau zu bringen. Sie hielt Vorträge im ganzen Deutschen Reich, um ihre Adresslisten zu füllen. Für nur 90 Pfennig erhielt frau dann das ganze Jahr über einen Gruß vom Mütterdienst.

Später wurde es dann „immer gefährlicher, religiöse Schriften drucken zu lassen, selbst ein so kleiner und unpolitischer Kalender erregte Anstoß. Die Druckerei mußte unseretwegen nicht wenige Haussuchungen im Betrieb über sich ergehen lassen. Sie ließ es sich nicht verdrießen, und der Mutterkalender, obwohl frei von jeder Konzession an die neue Weltanschauung, blieb und tröste die Frauen Jahr um Jahr, bis zuletzt, bis nur noch Sammellisten und Lebensmittelkarten gedruckt werden durften“, erinnerte sich Nopitsch.

Sie gründete 1950 dann zusammen mit Elly Heuss-Knapp (1818–1952) das Müttergenesungswerk, deren langjährige Geschäftsführerin sie war. Das Müttergenesungswerk war die erste interkonfessionelle Organisation der freien Wohlfahrtspflege. Es schloss die fünf großen Wohlfahrtsverbände bzw. Frauengruppen der beiden großen Kirchen zur Förderung der Müttergenesung zusammen.

Mutterkalender, 1935. Landeskirchliches Archiv der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

Ein Januarbild des Mutterkalenders von 1935 gestaltete Fritz Griebel als Scherenschnitt. Es zeigt drei Frauen, wie sie freudig ein kleines Kind einander rüberreichen wollen. Das Kind hat seinen Mund weit geöffnet und blickt angstvoll die eine Frau an, zu der es nun auf den Arm soll; abwehrend hat es die Arme gehoben. Es möchte nicht wie ein Puppe rumgereicht werden, vielleicht auch noch zu Menschen, die es gar nicht mag. Griebels auf den Umriss reduzierter Scherenschnitt, macht das Ausgeliefertsein des Kleinkindes eindrücklich sichtbar. Der dazugehörige Spruch lautet denn:

„Laßt Euer Kind von Basen, Tanten, / Von Fremden oder gut Bekannten / nie herzen, küssen, ziehn herum, / Davon wird‘s krank, erregt und krumm.“

Das Kalenderblatt gibt der Mutter mehr einen Hinweis zur Kinderhygiene als zur Erziehung. Erzogen müssen hier eher die Basen, Tanten oder fremde Menschen, die das Kind umarmen und küssen wollen und damit mögliche Krankheitserreger übertragen können. Auch wird auf das mögliche Unbehagen des Kindes selbst eingegangen. Wenn man nun bedenkt, dass im NS-Regime die Frau, die ihres Berufes beraubt und sich auf die Mutterschaft konzentrieren sollte, der Staat die Erziehung bereits mit dem Eintritt der Schule und ab dem 10. Lebensalter in der Hitlerjugend (HJ) übernahm, dann mutet das Kalenderblatt in seiner Aussage äußerst modern an.

Fritz Griebel mit Tochter Annette vor Mutter-Kind-Kurheim, Bad Steben, 1948. Archiv Prof. Fritz Griebel-Nachlassverwaltung

Antonie Nopitsch und Lieselotte Nold (1912–1978), eine Pfarrersfrau, die seit 1942 für den Bayerischen Mütterdienst tätig war und nachhaltig die kirchliche Frauenarbeit prägte, dankten Griebel viele Jahre später brieflich zu seinem 70. Geburtstag für seine langjährige Mitarbeit am Mutterkalender. Sie betonen, wie viel der Kalender, von seiner Mitgestaltung abgesehen, seinen sorgfältigen Überlegungen und seinem großen Verständnis für das Ziel, dass sie mit ihm hatten, verdanke. Sie hoffen, dass das Bewusstsein ihn freue, dass er auf diese Weise unendlich viele Menschen erfreut und getröstet habe – immerhin seien mit seiner Hilfe ungefähr zwei Millionen Kalender gedruckt worden.

Antje Buchwald

Januar 2021

Literatur

Antje Buchwald: Fritz griebel. Künstler, Lehrer und Direktor der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg nach 1945. Dettelbach am Main 2017, S. 69ff.

Beate Hofmann: Gute Mütter – starke Frauen, Geschichte und Arbeitsweise des Bayerischen Mütterdienstes (= Diakoniwissenschaft. Grundlagen und Handlungsperspektiven). Stuttgart/Berlin/Köln 2000.

Toni Nopitsch: Der Garten auf dem Dach. Erinnerungen. Aufgezeichnet von Hilde Schneider. Laetare Verlag: Nürnberg 1970, Zitat S. 84.